Out_Of_The_Closet

Dominik Unter

„'Und diese Gfraster schauen alle zu'", so zu lesen im Artikel „'Verschissenes Land': Alfons Haider über Österreich", erschienen am 15.01.2010 auf DiePresse.com.
Ja, sie schauen alle zu.
Wir leben in einer Gesellschaft, in der sich der Einzelne zumeist der Mehrheit anschließt. Durchschnittsmenschen, von denen Durchschnittliches erwartet wird. Eine Masse von Gleichen, wer sich individualisiert, hat schon verloren.
Alfons Haiders Aussagen zum Thema Fokus der Gesellschaft haben natürlich das Gemüt der Masse erzürnt. Doch mit ihm gibt es noch ein paar andere wache Augen, die hinter die frivole Fassade unseres schönen Landes blicken. Es bedarf nur des Mutes, sich öffentlich dazu zu äußern, und den hat Alfons Haider mit seinem Auftritt definitiv erbracht.
Alfons Haider ist aus dem Schrank. Doch das englische Sprichwort to come out of the closet (zu Deutsch: „etwas bekennen", z.B. Homosexualität) sollte eher Hoffnung auf eine verständnis- und toleranzgeschwängerte Eingliederung in eine moderne Gesellschaft erwecken, und nicht Angst, für seinen Mut vom Volk geächtet zu werden.
Ja, wir schauten alle zu. Der „Skandal", als Alfons Haider bekannt gab, bei Dancing Stars mit einem Mann tanzen zu wollen, gab uns Grund genug,uns von den sozialen Missständen in Österreich abzuwenden.
Kleine Scharmützel mit mutigen Männern auszufechten, anstatt den großen Problemen wie Gewalt in der Familie die Stirn zu bieten.
Die Volksapathie lässt sich heutzutage nur noch durch klare Provokation durchbrechen. Doch sobald der Österreicher wachgerüttelt ist, schimpft er los. Keine Zeit wird verschwendet, um über die Sinnhaftigkeit nachzudenken. Was fremd ist, wird bekämpft. Doch das müsste heißen, dass häusliche Gewalt und der unmenschliche Umgang mit Asylwerbern, wie ihn Haider in der Satiresendung Willkommen Österreich beklagte, inzwischen Alltag sind, normal und nicht die Mühe wert, sich sonderlich damit auseinander zu setzen.
Ist das unser Österreich? Heimat großer Töchter, Söhne? Oder ist dies das Ergebnis von jahrzehntelangem Totschweigen und Wegsehen? Große Söhne und Töchter haben die zweite Republik, unser Österreich, erbaut. Doch der kleine Bürger von heute untergräbt mit allen anderen kleinen Bürgern den Ruf unseres Landes. Es ist schon einmal von Vorteil, ausländisches Nachrichtenmaterial zu verfolgen. Als die Tragödie der Familie Fritzl bekannt wurde, waren die Medien (beinahe) weltweit voll mit Berichten über den Täter und das Martyrium der Opfer. Internationale Resonanz auf ein so grauenhaftes Verbrechen gegen die Menschenwürde. Heute spricht in Österreich keiner mehr darüber. Schnee von gestern. Kann ja mal passieren. Es konnte doch keiner wissen. Aber jetzt wissen wir alle, dass Kindesmissbrauch und Gewalt in Familien keine Horrorgeschichten sind, sondern grausame Realität.
Und was macht die Gesellschaft? Sie sieht zu. Nebenbei unterdrückt sie einen Mann, der ihr den Spiegel vorhält und trotzdem seine Liebe zu dem Land, das ihn im Stich lässt, beteuert. Es ist an der Zeit, dass der Volkscharakter renoviert wird. Die Mauern des Totschweigens abzureißen, das wird schwer, doch Alfons Haider hat mit seinem Statement schon einen bedeutenden Schritt getan.
Und wer weiß, vielleicht kommen wir bald alle out of the closet, aus dem Schrank des Wegsehens.

 

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